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 Ein sehr eindrucksvoller Vortrag von Charmain Liebertz:

 Die Autorin war 2009 zu Gast im Zwergen- und Feenland

 

Ein Plädoyer für mehr Herzensbildung!

Charmaine Liebertz

 

Wir haben das Notwendigste vergessen:

Die Kunst der Menschenbildung!

Jean-Jacques Rousseau

 

In einem Jahrhundert in dem sich das Weltwissen alle 5 bis 10 Jahre verdoppelt –jährlich veröffentlichen Wissenschaftler weltweit ca. 6 Millionen Fachartikel, das sind täglich 17.000 Artikel! – ist es höchste Zeit, dass wir uns als Pädagogen auf unsere eigentlichen Fähigkeiten als Erzieher mit Kopf, Herz und Hand besinnen und die Herzensbildung wieder in den Vordergrund unseres pädagogischen Bestrebens rücken. Denn die pure Wissensvermittlung vermögen jetzt die Neuen Medienwesentlich ansprechender und schneller zu realisieren als wir. Außerdem war die

Rolle des Wissensvermittlers noch nie ein uns erfüllendes Berufsziel. Oder? Der Abschied davon sollte uns nicht wehklagen sondern jubilieren lassen. Wenn wir uns als Menschenbildner mit Kopf, Herz und Hand im alten reformpädagogischen Sinne(u. a. Fröbel, Montessori, Petersen, Freinet) verstehen und dazu die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der Hirnforschung sowie die Bedingungen der Neuen Kindheit berücksichtigen, dann haben wir nichts verloren sondern viel gewonnen.

Nur der Pädagoge, der sich als Wissensvermittler versteht, wird im nächsten Jahrzehnt rasch durch die Neuen Medien verdräng- und ersetzbar sein.

Der Pädagoge mit Kopf, Herz und Hand wird jedoch immer wertvoller werden!

Eine Wissensgesellschaft, die glaubt, alles zu wissen, wenn nur die Informationsflüsse kräftig fliessen, beweist letztendlich, wie wenig sie verstanden hat.

Denn sie unterliegt dem Irrglauben, je mehr die Flüsse an Informationen transportierten um so größer würde das Meer der Erkenntnis.

Der Topmanager Daniel Goeudevert warnt: „Wir sind reich an Infos, drohen in diesem Überfluß zu ertrinken und sind zugleich oder gerade deshalb arm an gelebtem Wissen, an erfahrenen Gefühlen und stabilen Werten.

Immer mehr satte Menschen, verdursten emotional!

Wissen ohne Einbindung in eine moralische Kultur des Humanen ist barbarisch.“

Als der Philosoph Max Scheler sagte „Wissen ist Teilhabe am Seienden“, da meinte er lebendigen Austausch, emotionale Begegnung und Anteilnahme.

 

Dies ist nur im realen Leben mit echten Menschen möglich; in der kleinen Welt des Faktenwissens per Internet sind die Erkenntnishorizonte recht begrenzt. Denn wer frei Haus beliefert wird, braucht nicht mehr auf Fahrt zu gehen und bleibt somit  unerfahren.

Wir stehen zu Beginn des 21. Jahrhunderts vor entscheidenen Fragen: Wann ist der Siedepunkt der Informationsmenge erreicht? Wie lange noch können unsere Emotionen die Spirale des Immer-noch-mehr verkraften? Wann schlägt die emotionale Kälte in Gewalt um? Werden wir rechtzeitig erkennen, das nicht die Aneignung von Wissensmengen unsere Zukunft gewährleistet, sondern unsere Fähigkeit, Körper, Geist und Psyche ganzheitlich zu integrieren?

Welche Pädagogik setzt sich gegen laute Reize durch?

Eine losgelöste Werteerziehung in Nischen – z.B. in einzel ausgewiesenen Unterrichtsstunden – wird diese Fragen nicht beantworten können.

Es geht um die Wertefrage in der Erziehung schlechthin, denn erziehen bedeutet überall und jederzeit abwägen, entscheiden und somit bewerten. Aber wenn der Mensch ausschließlich über seine Schulnoten, seinen Erfolg, seine Karriere und sein Vermögen definiert wird, dann gibt es keinen Wert, keinen Sinn mehr außerhalb, dann regiert der Druck.

Und wo Sinn fehlt und Druck regiert, da blühen Angst, Gewalt und Depression.

Jeder Einzelne, insbesondere Kinder brauchen im unsteten Fluß der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen verläßliche Geländer. Kinder lassen sich nicht erziehen oder bilden. Beides gehört untrennbar zusammen.

Die Werteerziehung lässt sich nicht an die Anderen delegieren. Sie fängt bei jedem von uns an.

Stellen Sie sich, liebe Eltern, daher früh genug die Frage „Was soll aus meinem Kind werden?“

Begnügen Sie sich nicht mit rasch aufkommenden Antworten: „Erfolgreicher Arzt, Unternehmer oder Rechtsanwalt.“ Sie haben im Laufe ihres Lebens oft genug erfahren, dass Leistung und Erfolg zwar von unserer Ellbogengesellschaft gefordert werden, aber für ein glückliches Leben nicht ausreichen.

Stellen Sie sich als Erzieher und Lehrer die Frage nach dem Profil Ihrer Einrichtung, nach dem Ziel und dem Sinn Ihrer Arbeit mit Kindern: „Welches Menschenbild strebe ich in meiner Erziehung, in meinem Unterricht an?“ Wenn Sie diese fundamentale Frage immer wieder zulassen,

werden Sie Antworten erhalten, die Kinder substantieller und nachhaltiger helfen als kurzfristige Leistungsprofile.

Ein Lehrer am Gutenberg Gymnasium in Erfurt, antwortete in einem Interview – anläßlich des einjährigen Gedenktages nach dem Anschlag, an dem 16 Menschen starben – auf die Frage, welche Lehre er aus dem Anschlag ziehe: „Ich nehme mir nun die Freiheit heraus, weniger gesetzlich und mehr menschlich zu sein.“

 

Mir bleibt nur der Appell an alle Pädagogen: Es bedarf keiner Freiheit, menschlich zu agieren, wenn man mit Menschen umgeht, es ist das Fundament unseres Berufs, unsere selbstverständliche Pflicht!

Es ist höchste Zeit, zu begreifen, dass Kinder nicht erfolgreich lernen können, wenn sie nur belehrt werden und Stoff dargeboten

bekommen, den sie bloß übernehmen sollen ohne persönliche Bedürfnisse und Gefühle.

Optimales Lernen bedeutet Eigeninitiative und emotionales Engagement

mobilisieren, nicht Fakten konsumieren. Schule ist keine Tankstelle, wo Schüler Karrierekraftstoff für die Zukunft abfüllen können, um mit Vollgas durch’s Leben zu surfen.

Schule ist ein empfindlicher sozialer Mechanismus, in dem Regeln des

menschlichen Umgangs entworfen und eingehalten werden müssen. Wer Lernen als sachliches intellektuelles Geschäft ohne emotionalen Kontext versteht, der darf sich nicht wundern, wenn er vom Pädagogen zum Dompteur mutiert, der ständig die Disziplinpeitsche schwingt, um die sozialen Interaktionen der Gruppe in den Griff zu bekommen.

Lehren heißt mehr als vermitteln, es bedeutet vor allem initiieren.

Unser Vorbild als Pädagogen ist dabei entscheidend. Lehrer, die zu spät zum Unterricht kommen oder schlecht vorbereitet sind, legitimieren ihre Schüler, das Gleiche zu tun.

Erzieher, die sich alljährlich die alte Bastelvorlage für die Martinslaterne hervorkramen, sind schlechte Vorbilder für Eigeninitiative und Kreativität.

Unserem Erziehungs- und Lernprozeß fehlt ein verläßliches Sinnfundament, ein erstrebenswertes Menschenbild. Bildung ist mehr als unverbindliche Schöngeisterei, als bloßes Faktenwissen, mit dem man auf einer Party Eindruck schinden kann.

Zur Bildung im 21. Jahrhundert gehört vor allem der souveräne Umgang mit den Schlüsselqualifikationen der Zukunft: Soziale Kompetenz und emotionale Intelligenz.

Ihre Förderung sollte fester Bestandteil einer jeden Bildungs- und

Erziehungskonzeption sein. So nehmen Kinder in ihrer Lernlaufbahn viel Wissen auf, aber ihre Bewußtseinsentfaltung, Persönlichkeitsentwicklung und Herzensblidung bleiben oft auf der Strecke.

Wo lernt ein Kind, was zum eigenen Wohlbefinden und das der anderen erforderlich ist, wie man seinen Beruf findet und ausfüllt, wie man

seine Probleme löst und seine Ziele erreicht, wie man eine harmonische

Partnerschaft aufbaut?

Immerzu hört es während seiner Schullaufbahn: „Du lernst für’s Leben!“ und berechtigterweise fragt es sich „Welches Leben meinen die?“

 

Sein Leben findet in der Gegenwart statt, was weiß es schon über das Leben nach der Schule. Gar nichts! Leben und lernen bedeutet den ganzen Menschen, sein Denken und Fühlen im Hier und Jetzt wertzuschätzen.

Die Zeit ist reif, sich über den reinen Verstandesmenschen hinaus zu entwickeln und nun endlich zu Bewußtsein zu kommen.

Es ist Zeit, zu erkennen, daß der Verstand die Wertschätzung, die er bekommt, nie wirklich verdient hat, denn auf alle wirklich

wichtigen Fragen kann er uns keine hinreichende Antwort geben.

Dabei haben wir ein umfassendes, optimales Werkzeug seit jeher zur Verfügung: das Gefühl.

Aber selten hört man von einer Lehrerin, sie habe „ein emotional begabtes Mädchen“ in ihrer Klasse, über einen „mathematisch begabten Jungen“ spricht man schon eher.

Hier hat unser Schulsystems viel versäumt, nämlich Kinder an ihr inneres Potential an die Stärke ihres inneren Fundaments heranzuführen und ihr Selbstmanagement zu fördern.

Schon der Humanist Wilhelm von Humboldt (1767 – 1835) forderte eine

Bildung, die den Menschen zu dem macht, was er sein soll, nämlich ein Mensch.

Das heißt nicht, dass Bildung ohne Fachwissen nur im netten Miteinander des sozialen Lernens, ohne die Anstrengung an der Sache erworben werden kann.

„Es gibt keine Bildung ohne Anstrengung“, sagte Roman Herzog in einer vielbeachteten Rede.

Solange wir den Bildungsstand eines Menschen danach abmessen, wie viel er auswendig weiß, oder wie hoch sein IQ ist, solange unterliegen wir dem fatalen Irrglauben, dass Gedächtniskünstler und Testgenies gebildete Menschen sind.

Unsere Kinder werden weder mit der Kuschel-, noch mit Paukpädagogik die Zukunft meistern. Sie brauchen vielmehr Erzieher mit Kopf, Herz und Hand!

Entlassen wir unser Bildungssystem in die Freiheit.

 

Die Autorin ist Institutsleiterin der Gesellschaft für ganzheitliches Lernen e.V. Sie hält europaweit Seminare für Eltern, Erzieher und Lehrer.

Tel: 0049 - (0) 221 - 92 33 103, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, www.ganzheitlichlernen.de

 


 

Adler steigen keine Treppen

Vom methodischen Treppensteigen

 

"Der Pädagoge hatte seine Methoden aufs Genaueste ausgearbeitet; er hatte - so sagte er - ganz wissenschaftlich die Treppe gebaut, die zu den verschiedenen Etagen des Wissens führt; mit vielen Versuchen hatte er die Höhe der Stufen ermittelt, um sie der normalen Leistungsfähigkeit kindlicher Beine anzupassen; da und dort hatte er einen Treppenabsatz zum Atemholen eingebaut und an einem bequemen Geländer konnten die Anfänger sich festhalten.

Und wie er fluchte, dieser Pädagoge! Nicht etwa auf die Treppe, die ja offensichtlich mit Klugheit ersonnen und erbaut worden war, sondern auf die Kinder, die kein Gefühl für seine Fürsorge zu haben schienen.

Er fluchte aus folgendem Grund: solange er dabei stand, um die methodische Nutzung dieser Treppe zu beobachten, wie Stufe um Stufe empor geschritten wurde, an den Absätzen ausgeruht und sich an dem Geländer festgehalten wurde, da lief alles ganz normal ab. Aber kaum war er für einen Augenblick nicht da: sofort herrschten Chaos und Katastrophe! Nur diejenigen, die von der Schule schon genügend autoritär geprägt waren, stiegen methodisch Stufe für Stufe, sich am Geländer festhaltend, auf dem Absatz verschnaufend, weiter die Treppe hoch - wie Schäferhunde, die ihr Leben lang darauf dressiert wurden, passiv ihrem Herrn zu gehorchen, und die es aufgegeben haben, ihrem Hunderhythmus zu folgen, der durch Dickichte bricht und Pfade überschreitet.

Die Kinderhorde besann sich auf ihre Instinkte und fand ihre Bedürfnisse wieder: eines bezwang die Treppe genial auf allen Vieren; ein anderes nahm mit Schwung zwei Stufen auf einmal und ließ die Absätze aus; es gab sogar welche, die versuchten, rückwärts die Treppe hinaufzusteigen und die es darin wirklich zu einer gewissen Meisterschaft brachten. Die meisten aber fanden - und das ist ein nicht zu fassendes Paradoxon - dass die Treppe ihnen zu wenig Abenteuer und Reize bot. Sie rasten um das Haus, kletterten die Regenrinne hoch, stiegen über die Balustraden und erreichten das Dach in einer Rekordzeit, besser und schneller als über die so genannte methodische Treppe; einmal oben angelangt, rutschten sie das Treppengeländer runter ... um den abenteuerlichen Aufstieg noch einmal zu wagen. Der Pädagoge macht Jagd auf die Personen, die sich weigern, die von ihm für normal gehaltenen Wege zu benutzen. Hat er sich wohl einmal gefragt; ob nicht zufällig seine Wissenschaft von der Treppe eine falsche Wissenschaft sein könnte, und ob es nicht schnellere und zuträglichere Wege gäbe, auf denen auch gehüpft und gesprungen werden könnte; ob es nicht, nach dem Bild Victor Hugos, eine Pädagogik für Adler geben könnte, die keine Treppen steigen, um nach oben zu kommen?"

 

(aus: Célestine Freinet, Pädagogische Texte, Reinbek 1980, in: W. Wallrabenstein: Offene Schule - offener Unterricht. Hamburg 1991, S. 79/80)

 

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